Warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist

Ein Essay

Wir leben in beunruhigenden Zeiten: Viele Länder dieser Erde sind von Krieg und Not betroffen. Menschen, die solche Länder ihre Heimat nennen, suchen – verständlicherweise – nach besseren Lebensumständen. Anstatt aber zügig zu Hilfe zu eilen, ersinnen die übrigen Staaten Strategien, wie sie den Hilfesuchenden ihr Recht auf Asyl verwehren können.

Geleitet von Moral und gesundem Menschenverstand, empören sich in Deutschland und andernorts mittlerweile große Teile der Gesellschaft über dieses Vergehen, das weit über unterlassene Hilfeleistung hinausgeht. Dennoch richtet sich die Politik weiterhin maßgeblich nach den Wünschen eines (hoffentlich) kleineren, aber leider auch lauteren Anteils der Menschen. Diese sehen in den Hilfesuchenden ausschließlich eine Bedrohung für ihre eigene Heimat. Die Europäische Union funktioniert offenbar so gut, dass viele ihrer Bewohner sich echte Not nicht einmal mehr vorstellen können. Anders kann ich mir ihren völligen Mangel an Mitgefühl nicht erklären. Der Gipfel der Absurdität ist spätestens damit erreicht, dass diese „besorgten Bürger“, wie sie sich selbst nennen, sowohl auf die EU schimpfen, die sie mit Frieden und Wohlstand verwöhnt, als auch auf die Bundesregierung, die doch so sehr versucht es ihnen recht zu machen.

Auch dass das Weltklima sich wandelt, wird langsam in beunruhigendem Maße spürbar. Der Sommer 2018 war auffallend heiß und die breite Gesellschaft richtet sich bereits darauf ein, dass solche Warmphasen künftig immer häufiger werden. Zu den vordringlichsten Gründen für den Klimawandel gehören die intensive Land- und Viehwirtschaft und die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. Dennoch ist es die land- und viehwirtschaftliche Industrie (aka „die Bauern“), die laut und erfolgreich nach Entschädigungen für diesen trockenen Sommer schreit. Dennoch wagt man es nicht, den Angestellten von RWE ihre Arbeitsplätze wegzunehmen, obwohl deren Gegenstand veraltet und schädlich für alle ist. Dennoch zerfleischt sich die deutsche Bundesregierung monatelang mit der Frage, wie die betrügerische Autoindustrie zur Rechenschaft gezogen werden kann, ohne ihre Opfer gleich mit zu bestrafen. Und als diese Opfer betrachtet man nicht etwa alle, die unter der Luftverschmutzung und Erderwärmung leiden. Nein, damit sind die Fahrer von Dieselautos gemeint, die schon seit Jahrzehnten wissen sollten, dass ihre Umherkutschiererei ein Luxus ist, den die Menschheit sich eigentlich nicht leisten kann. Nur weil ihr schädliches Verhalten nun noch ein bisschen schädlicher ist als alle dachten, sollen sie damit uneingeschränkt fortfahren können?

Zwei Beobachtungen und eine These

Mir fallen hier zwei Dinge auf: Erstens halten wir uns im Angesicht wahnsinniger, den menschlichen Geist buchstäblich übersteigender Bedrohungen mit vergleichsweise nichtigen Details auf. Zweitens belohnt die aktuelle Politik vielfach die Verursacher der Probleme mit Aufmerksamkeit und – nun ja, Geld – während die eigentlichen Opfer mit Nichtbeachtung gestraft werden. Vor diesem Hintergrund wage ich nun eine These: Wir brauchen gerade jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Ich kann und will hier kein eigenes BGE-Modell vorstellen, sondern beziehe mich auf das von Götz Werner und seinen Co-Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich, die im Gegensatz zu mir Finanz- und Wirtschaftsexperten sind. Ihr Modell beinhaltet eine ausgeweitete Mehrwertsteuer („Konsumsteuer“), die alle anderen Steuern ersetzen und das bedingungslose Grundeinkommen finanzieren soll. Bedingungsloses Grundeinkommen heißt kurz gesagt, dass jeder es bekommt – ohne Gegenleistung – und dass es die grundlegenden Bedürfnisse jedes Menschen deckt. Die gängigen Fragen zum BGE haben andere ebenfalls schon ausführlich beantwortet.

Ich möchte Sie an dieser Stelle einladen, sich mit mir auf eine Idee einzulassen.

Malen wir uns eine bessere Zukunft aus

Angenommen, alle Menschen in Deutschland bekämen – einfach so – vom Staat so viel Geld, dass ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind. Sie hätten damit also genug zu essen, anzuziehen, ein Dach über dem Kopf und könnten es sich leisten, ggf. zum Arzt zu gehen, sich zu bilden sowie Sport zu treiben und ab und zu ins Kino oder Theater zu gehen. Alles, was die Menschen mit ihrer eigenen Arbeit verdienten, wären Extraeinnahmen. Klingt das nicht großartig? Es wäre jeder Person selbst überlassen, wie sie mit Extraeinnahmen verfährt. Will sie sie für Reisen, teure Kleidung oder ausländische Eliteärzte ausgeben? Bitte schön. Will sie sie lieber für große Wünsche sparen oder einfach darauf verzichten? Auch gut.

Arbeit und echte Arbeit

Richtig gelesen. Auf Extrageld und die damit verbundene Erwerbsarbeit zu verzichten, wäre keine Schande. Für die arbeitende Bevölkerung fiele die Arbeitslosigkeit als allgegenwärtige, latente Bedrohung weg. (Bitte einmal die Augen schließen und sich das wirklich vorstellen.) Arbeitslose dagegen müssten sich vor niemandem mehr rechtfertigen, wären nicht gezwungen unwürdige Jobangebote anzunehmen. Ja, sie müssten noch immer genügsamer sein als Erwerbstätige, aber im Gegenzug bekämen sie Zeit und Ruhe für sich und ihr Leben.

Sie fragen sich, wer dann aber all die Arbeit erledigt? Arbeit sei doch wichtig, damit nicht alles zusammenbricht? Zwei Sätze zum Trost: Die wirklich wichtigen Arbeiten, die die Gesellschaft am Laufen halten, sind aktuell selten die gut bezahlten Arbeiten. Und ein Großteil der wirklich wichtigen Arbeiten wird ohnehin schon häufig unentgeltlich erledigt. Alte Menschen pflegen? Entweder Sache von unterbezahlten, überarbeiteten Angestellten oder von häufig überforderten Angehörigen. Kinder erziehen? Ebenfalls. Mit einem BGE bekämen die Menschen selbst die Macht zu entscheiden, worauf sie ihre Arbeitskraft verwenden. Die wirklich wichtige Arbeit müsste so gestaltet sein, dass genügend Menschen sie machen möchten. Für Arbeit aber, die schon jetzt mehr aus Idealismus gemacht wird – wie Ehrenämter, Freundschaftsdienste, Hobbies oder Hausarbeit – hätten wir endlich alle mehr Zeit. Und die Mitwirkenden schädlicher Industrien wie der Braunkohleverstromung könnten ihre Energie auf Bereiche lenken, wo sie ihnen und der Gemeinschaft mehr Nutzen bringt.

Düstere Zeiten für Neid

In einer solchen Gesellschaft wäre nicht mehr viel Platz für Neid. Natürlich gäbe es immer noch Menschen, die mehr haben als andere, aber alle hätten zum Leben genug. Und niemand müsste sich dafür schämen, dass er nicht mehr hat als das. Niemand müsste mehr fürchten, dass neu hinzukommende Menschen ihm etwas wegnehmen. Arbeitsplätze wären nur noch selten etwas, um das Menschen konkurrieren. Alle wären Steuerzahler, denn die Steuer würde beim Einkaufen direkt mitbezahlt, und so hätte jeder in Deutschland lebende Mensch auch ein unbestreitbares Anrecht auf das bedingungslose Grundeinkommen.

Kein Extrageld für schlechte Arbeit

Die Produktion von Lebensmitteln ist unleugbar eine wichtige Arbeit. Doch auch wichtige Arbeit kann man gut oder schlecht machen. Man kann schlecht haushalten und möglichst viele, schnell wachsende Pflanzen derselben Art auf möglichst großer Fläche anbauen. Oder man kann in guten Zeiten für schlechtere vorsorgen und Pflanzen so anbauen, dass sie die Böden nicht bis zur Unbrauchbarkeit auslaugen, sondern den Boden und einander sogar schützen. Mit einem BGE hätten „die Bauern“ hoffentlich die Muße, ihre Arbeit besser und umweltverträglicher zu machen. In jedem Fall aber könnten sie nicht mehr argumentieren, sie stünden wegen des Wetters vor dem Ruin und bräuchten finanzielle Entschädigungen. Im Notfall hätten sie eben nur das, was jeder hat und was für ein menschenwürdiges Leben ausreicht.

Nicht Auto fahren leicht gemacht

Private Autos sind Klimakiller. Seitdem ich denken kann, ist das jedem bekannt. Eigentlich. Denn seitdem ich denken kann, ist es auch einfach normal, dass jede Familie mindestens ein Auto hat. Und was man hat, das will man natürlich auch benutzen. Außerdem braucht man das Auto ja. Weil zum Beispiel nicht jeder da wohnen kann oder will, wo er auch arbeitet. Bekämen die heutigen Berufspendler ein BGE, würden sie sich vermutlich gut überlegen, ob sie weiterhin so viel Zeit im Auto verbringen wollen. Vielleicht würden sie weniger arbeiten und seltener fahren. Oder sie würden gar nicht mehr fahren und dafür lieber wirklich wichtige Arbeit an ihrem Wohnort oder gar in ihrem Zuhause machen.

Dies sind nur drei Bereiche, in denen ich die Dinge derzeit gewaltig falsch laufen sehe und wo ein BGE meines Erachtens helfen könnte. Doch ein Einkommen für jeden Menschen birgt das Potential, die gesamte Gesellschaft umzukrempeln. Welche Chancen auf Verbesserungen fallen Ihnen dazu ein?

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