Pu Yi – Ich war Kaiser von China

Pu Yi „Ich war Kaiser von China“ – Coverausschnitt

„Kaiser von China“ – das ist wieder so ein geflügeltes Wort, das veranschaulicht, wie unwirklich und fern China aus deutscher Sicht wirkt. Indem wir diesen Ausdruck verwenden, um eine Behauptung für abwegig zu erklären, rücken wir doch auch die damit bezeichnete Person in den Bereich des Märchenhaften: Niemand würde ernsthaft behaupten, er sei der Kaiser von China!

Und doch lebte bis 1967 noch ein Mann, der genau das behaupten konnte. Seine Autobiographie von 1964, deren deutsche Übersetzung durch Richard Schirach und Mulan Lehner 1973 beim Hanser Verlag erschien, ist noch immer erhältlich – mittlerweile als dtv-Taschenbuch. Ein wahrer kleiner Schatz für Chinafans!

Die Unwahrscheinlichkeit und Märchenhaftigkeit, die die Vorstellung vom chinesischen Kaiser umgeben, werden durch dessen Lebensgeschichte bestätigt – allerdings auf andere Weise als man vielleicht erwartet. Als Zweijähriger zum Kaiser bestimmt wächst Aisin Gioro Pu Yi (Pu Yi ist eigentlich nur der Vorname) nach außen hin weitestgehend abgeschottet in einer Art Scheinwelt, der „Verbotenen Stadt“, auf. Während sein direktes Umfeld nach uralten, rigiden Traditionen weiterhin das Kaiserreich inszeniert, ist das China drumherum schon bald keine Monarchie mehr. Das kaiserliche Selbstverständnis, das Pu Yi anerzogen wird, verkommt zur Farce, die für ihn wie für seine Umgebung gleichermaßen quälend zu sein scheint.

Als Kind und Heranwachsender genießt Pu Yi vordergründig die absolute Verehrung seiner Gefolgsleute und Macht über sie. Hintergründig ist jedoch auch er Opfer der höfischen Machtspiele und Intrigen, wie sie einer Soap-Opera alle Ehre machen würden. Später, als Kaiser von Mandschukuo sieht er sich von den Japanern als eigentlichen Machthabern fortwährend gegängelt und überwacht. Schließlich wird er als Kriegsverbrecher inhaftiert und zum guten, einfachen Bürger der kommunistischen Volksrepublik China „geläutert“. Anhand dieser Wechselfälle wird klar, dass Pu Yi zeitlebens Spielball diverser Mächte blieb.

Die selbstkritische bis sogar selbstironische Haltung des Erzählers Pu Yi macht die Autobiographie zu einer erfrischenden Lektüre. Dass sie vermutlich erst der kommunistischen Gehirnwäsche zu verdanken ist, gibt dem Ganzen wiederum einen bitteren Beigeschmack. Pu Yi als Protagonist wirkt dadurch aber nicht weniger sympathisch und seine Geschichte nicht weniger fesselnd. Durch den krassen Bruch mit der eigenen Vergangenheit wird aus dem Kaiser von China, dessen Welt der unseren in nichts zu gleichen scheint, ein Mensch von nebenan, eine Identifikationsfigur. Obendrein veranschaulicht sein Leben die vielen historischen Zusammenhänge, mit denen es verwickelt ist.

Mit dem Ziel, dem deutschsprachigen Leser den gleichen Eindruck zu vermitteln wie das chinesische Original dem seinen, haben die Übersetzer einige Anpassungen am Text (vornehmlich Streichungen von Wiederholungen) vorgenommen, was sie weitgehend einleuchtend begründen. Der Text an sich ist angenehm lesbar und schon in meiner alten Ausgabe angemessen lektoriert. Der recht umfangreiche Anhang, insbesondere die Abbildungen, erhöhen Verständlichkeit und Anschaulichkeit, wobei ich die Zeittafel und das Personenverzeichnis nicht konsultiert habe, sondern mir Lücken notfalls aus dem Kontext erschlossen habe. Lediglich mit der gut gemeinten Umschrift fürs Chinesische hatte ich meine Probleme. Schirach und Lehner verwenden eine eigenwillige Abwandlung der alten deutschen Standardumschrift. Obwohl sie ihre Abänderungen zu erklären und zu begründen versuchen, will mir das Prinzip partout nicht einleuchten. Beim Lesen konnte ich mich dennoch einigermaßen daran gewöhnen.

Mein Exemplar des Buches wurde mir übrigens antiquarisch geschenkt und riecht daher herrlich nach altem Buch. Das Cover ist natürlich rot – wie so viele Bücher mit Chinabezug – mit kaisergelber Schrift. Zu dieser Farbsymbolik darf sich jeder seine eigenen Gedanken machen.

Pu Yi: Ich war Kaiser von China. Mit Abbildungen. Herausgegeben und übersetzt von Richard Schirach und Mulan Lehner. München: DTV 2009.

528 Seiten

Geschmacksrichtungen

Humor
Romantik
Gehalt 苦 苦 苦
Spannung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s