Mo Yan – Frösche

Schon in einigen seiner Texte hat Mo Yan die vielfach widersinnigen Auswirkungen der chinesischen Ein-Kind-Politik beleuchtet. Mit „Frösche“ allerdings erreicht diese Auseinandersetzung einen zuvor nicht dagewesenen Umfang. Hier stellt er die Umsetzung und die Auswirkungen der sogenannten Geburtenplanung anhand einiger davon betroffener Figuren dar. Wie seine Leser es gewohnt sind, hält er sich an die Einzelschicksale der Bewohner seiner ländlichen Ortschaft Gaomi und blendet die größeren politischen Hintergründe aus. Auf diese Weise bleibt die Handlung persönlich und bietet dem Leser tiefe Einblicke in die Motive und inneren wie äußeren Konflikte aller Beteiligten: Das Dilemma derer, die im Sinne des Gesetzes Zwangsabtreibungen durchführen, aber auch die Nöte der Paare, von denen die Kultur die Geburt eines Sohnes verlangt, denen das Gesetz dafür aber nur einen einzigen Versuch einräumt. Eine so konzise, authentische und unterhaltsam-literarische Darstellung dieses großen chinesischen Themas ist – gerade für den deutschsprachigen Leser – schwer ein zweites Mal zu finden.

Vordergründig will der Ich-Erzähler, der sich als Schriftsteller Kaulquappe nennt, einem japanischen Kollegen in langen Briefen die Geschichte seiner Tante erzählen. Diese hat als fortschrittliche Hebamme lokale Berühmtheit erlangt und ist gleichzeitig als frühe Verfechterin der Geburtenplanung berüchtigt. Schließlich überschlagen sich aber die Ereignisse in Kaulquappes eigenem Leben und drängen sich in den Vordergrund seiner Erzählung, da er auf ungeahnte Weise in Konflikt mit dem Gesetz gerät. Seine Tante wird derweil von ihrem im Alter zunehmenden schlechten Gewissen ereilt.

Die ersten vier der fünf Bücher des Romans sind jeweils lange Briefe, die Kaulquappe seinem Kollegen schreibt, damit dieser sie zu einem Roman verarbeitet. Im letzten Buch erzählt er dann die Geschichte in Form eines absurden Theaterstücks zu Ende. Dieser Kunstgriff verleiht dem unvermeidlichen Handlungsverlauf eine starke Pointe, das tragische Ende wird durch die absurde Verzerrung erträglicher – sogar amüsanter als die narrativen Teile zuvor, die die Spannung aufgebaut haben. Beide Formen ergänzen sich hervorragend.

Der Roman erschien erstmals im Jahr 2009 unter dem Titel „蛙“ (Pinyin: wā; dt.: Frosch/Frösche) in Shanghai. Die deutsche Übersetzung folgte dann erst 2013. Der Hanser Verlag macht uns damit die Freude eines ziemlich sorgfältig korrigierten Textes, der mir auf tollem Papier gedruckt und in schön gebundener Form vorliegt. Mit dem Luxus eines Lesebändchens. Sogar das Bild auf dem Schutzumschlag passt hervorragend zum Inhalt. Ein Lesegenuss für alle Sinne.

Die Übersetzung ist Martina Hasse gut gelungen. Bemerkenswert ist beispielsweise, wie sie dem deutschen Leser den Vergleich der Babies mit Fröschen verständlich zu machen vermag, der auf einem chinesischen Wortspiel beruht. Das angehängte Glossar erklärt wichtige Anspielungen auf die chinesische Literatur und Geschichte. Allerdings habe ich manches dort doch vergeblich nachzuschlagen versucht. Die deutsche Übersetzung nimmt insgesamt den deutschen Leser ebenso ernst wie das Werk. D.h. für den Leser ist spürbar, dass er eine Übersetzung aus dem Chinesischen liest, doch die Geschichte ist für ihn gut verständlich, ansprechend und unterhaltsam.

Mo Yan: Frösche. Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. München: Carl Hanser Verlag 2013.

512 Seiten

Geschmacksrichtungen

Humor 酸 酸
Romantik
Gehalt 苦 苦 苦
Spannung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s